TAKING ROOT

02.11.2019 – 26.01.2020

Wie können Künstler*innen in einer Welt voller Interessenkonflikte und widersprüchlicher Glaubensvorstellungen Wurzeln schlagen? Woran orientieren sie sich? Die Ausstellung Taking Root geht diesen Fragen nach und behauptet zugleich, dass die elf hier vorgestellten Künstler*innen tatsächlich in gewisser Hinsicht verwurzelt sind: Ihre Praxis und ihre Interessen verfolgen eine bestimmte Richtung, und deshalb gehen ihre Arbeiten in die Tiefe.

Ein Baum ohne Wurzeln kann nicht überleben. Er braucht festen Boden unter sich, um wachsen und aufrecht stehen zu können, um der Witterung standzuhalten. Ein junger Baum ist biegsam und widerstandsfähig zugleich, weil er bereits Wurzeln ausgebildet hat. Man kann sich vorstellen, dass auch Menschen an den Orten, an denen sie aufwachsen, einen gewissen »Nährwert« finden – aber nicht nur dort. Künstler*innen können ihre Wurzeln auswählen, sie auf ihrem Lebensweg sammeln oder sie an Orten suchen, mit denen sie noch nicht vertraut sind. Schließlich sind Menschen mobile Wesen, und für Menschen sind Wurzeln nicht nur eine Frage der materiellen Umstände; sie können auch in Gedanken, Erinnerungen und Traditionen liegen.

Taking Root präsentiert Werke von elf Künstler*innen. Einige von ihnen sind naturverbunden aufgewachsen, für andere war die Stadt ihre natürliche Umgebung. Einige sind junge Künstler*innen, die vor Kurzem ihre Ausbildung abgeschlossen haben und gerade erst anfangen, im eigenen Atelier zu arbeiten. Andere sind schon seit Jahrzehnten produktiv und hatten mehr Möglichkeiten, ihr Werk zu entwickeln. Insgesamt versammelt die Ausstellung zeitgenössische Künstler*innen aus zwei Generationen. Die meisten von ihnen kommen aus Europa, mit seinen vielfältigen Landschaften und kulturellen Klimazonen. Eine kommt aus den USA, einem Land mit zahlreichen europäischen Wurzeln. In einer Zeit, in der die Politik spaltet, ist es wohltuend zu entdecken, dass es immer noch enge Verbindungen gibt, selbst wenn diese im Untergrund verlaufen.

Die elf Künstler*innen wurden nicht für diese Ausstellung ausgewählt, weil es in ihren Werken buchstäblich um Wurzeln geht, sondern weil ihre Werke Wurzeln haben. Sie verorten sich in der Gegenwart, indem sie Anknüpfungspunkte in der Tradition oder in ihrer visuellen Umgebung suchen, und finden so heraus, was für ihre künstlerische Arbeit im frühen 21. Jahrhundert wertvoll oder unausweichlich ist. In einer Zeit, in der Gott für tot erklärt ist, Allah von Terroristen entführt wurde und politische Anführer sich als Clowns oder Hochstapler erweisen können, stellt sich die Frage: Wo findet man Auffassungen und Glaubensvorstellungen, wo findet man die Zuversicht und die Kontexte, auf deren Basis man agieren kann? Eine Antwort lautet: im Inneren, in der Vorstellungskraft und im Reflexionsvermögen der Künstler*innen, in ihrer Fähigkeit, sich konzentriert und ausdauernd einer Aufgabe oder Berufung zu widmen.

Die Künstler*innen dieser Ausstellung finden ihre Anregungen für gewöhnlich nicht in den Nachrichten oder in der Tagespolitik. Ihr Wissen ist weniger direkt und geht zurück auf die unterschiedlichsten Quellen: Steine, Spaziergänge, Landschaften, Ikonen, Gemälde, Kinder. Es gibt viele Situationen, die uns leiten können – und oft auf überzeugendere Weise als Menschen, die sich selbst »Anführer« nennen, uns glauben machen wollen. Die hier vorgestellten Künstler*innen predigen keine konkreten Glaubenssätze. Sie machen ihre Werke, und das ist Statement genug. Sie glauben allerdings an die materielle Kultur, an die Kunst und an sinnvolle Arbeit – an die tägliche Übung. Ihr Wissen wird in ihren Kunstwerken spürbar.

Die Kunst ist zwar nicht unbedingt ein »geheiligter Boden«, aber sie eröffnet Gebiete, auf denen eine andere – nicht korrumpierte, nicht verlassene – Welt möglich ist. Sie kann ein Umfeld herstellen, in der man gerne Zeit verbringt, und einen Ort schaffen, der Körper, Geist und Seele nährt. Mit seinen massiven Mauern und unter der Erde gelegen, bildet KIT – Kunst im Tunnel einen geschützten Raum, um Abstand zu nehmen: von der realen und mentalen Betriebsamkeit draußen, von der Geschäftigkeit der Großstadt und den Herausforderungen unserer Zeit. Der großzügige Raum des Tunnels mit den Werken von elf zeitgenössischen Künstler*innen ermöglicht es, eine Auszeit zu nehmen – und bietet einen Ort, um neue Verbindungen herzustellen und in die Tiefe zu gehen.

Jurriaan Benschop, aus dem Englischen übersetzt von Dr. Barbara Hess

Mit Nikos Aslanidis, Maria Capelo, Béatrice Dreux, Eiko Gröschl, Nona Inescu, Ida Lindgren, Catherine Mulligan, Katrina Neiburga, Liesbeth Piena, Natascha Schmitten, Rubica von Streng

Kurator: Jurriaan Benschop